Lichter an – bevor sie aus gehen. Mit dieser Aktion machen viele mittelständische Unternehmen in Deutschland ihren Unmut über die aufgezwungene wirtschaftliche Situation deutlich. Vernab von revolutionären Gesinnungen oder irgendwelchen Denkrichtungen, geht es hier um das nackte Überleben. Oder anders ausgedrückt. Wo keine Einnahmen, da keine Unternehmen – und auch kein Lebensunterhalt für deren Betreiber. 

Alles begann mit einem Virus

Auf einmal ging alles ganz schnell im Frühjahr 2020. Erst hörte man noch in den beliebten deutschen TV-Talkshows, dass eine Pandemie vor der Tür steht und wir uns im Krieg mit einem biologischen Erreger befinden. Nur wenige Tage später war es dann soweit. Bei vielen brachen Angst und Panik aus.

Kontakte zu anderen Menschen wurde plötzlich von den meisten gemieden. Im Salon klingelte ununterbrochen das Telefon. Mitte März hatten bereits die meisten Kunden abgesagt. Unsere Auslastung ist auf gut 20% gesunken. Dann, am 20. März, mußten wir eine Mitarbeiterin in Quarantäne schicken, da eine ihrer Kundinnen positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurde.

Zur Sicherheit für unsere Kunden und Mitarbeiter beschlossen wir, den Salon vorerst ganz zu schließen. Niemand wußte, womit was wir zu tun hatten und wie wir am besten auf solche Vorfälle reagieren sollen. Auch in den Ämtern, so versicherte man uns am Telefon, bekäme man die Informationen in erster Linie aus den Nachrichten.

Es dauerte nicht lange und nur einen Tag später am 21.03.2020 mußten alle Friseurgeschäfte in Baden-Württemberg auf Anweisung der Landesregierung ihre Türen schließen. Ganz gebannt auf die Vorgaben und Maßnahmen der Politik verfolgten wir den weiteren Verlauf der Krise. Aufmerksam informierten uns umfassend über die Ereignisse.

Schließlich beschlossen die Verantwortlichen in der Politik, den Betroffenen Unternehmen in der Krise beizustehen und sie in ihrer unverschuldeten Notlage finanziell zu unterstützen. Neben den Hygienevorlagen zum Schutz der Bevölkerung einigte man sich auf ein umfassendes Rettungspaket für die deutsche Wirtschaft mit dem Ziel: “Liquidität zu sichern, Jobs zu schützen und Insolvenzen zu verhindern.”

 

Leere Versprechen

Nun konnten wir aufatmen. Wir dachten wir hätten einen starken Partner an unserer Seite und wären Teil eines Gemeinwesens, das sich vor allem in Krisensituationen wie dieser gegenseitig fördert und stützt. Wir glaubten unseren Bundesministern Peter Altmaier (CDU) und Olaf Scholz (SPD), als sie groß in den Medien verkündeten: “Egal wie stark das Coronavirus und seine Folgen die Wirtschaft dieses Land schwächen könnten, wir sind stärker.”

Nachdem der Beschluss für die Corona-Soforthilfe am 27. März den Bundesrat passierte, reichten wir unseren Antrag direkt nach diesem Wochenende am 30. März ein. Es dauerte eine gute Woche bis die Finanzmittel auf dem Geschäftskonto landeten. Unser Unternehmen schienen gerettet. Mehr noch. Als wir am 04. Mai nach sechs Wochen Lockdown unsere Türen wieder öffnen durften, schien das Schlimmste überstanden. Unter Einhaltung strenger Hygienemaßnahmen drängten die Kunden wieder in den Salon.

Doch die Euphorie hielt nicht lange. Schon im Juli berichtete die Tagesschau, die “zweite Welle ist schon da“. Die Schutzvorkehrungen mußten aufrechterhalten werden und die Verunsicherung verstärkte sich wieder zunehmend. Gleichzeitig wurde offenkundig, dass wir die Hilfsgelder der Soforthilfe wieder zurückzahlen müssen. Es stand im Kleingedruckten, dass wir verpflichtet sind das überschüssige Geld, das wir zur Liquiditätsdeckung nicht benötigen, zurück zu überweisen.

Im Bewilligungsbescheid der Baden-Württemberger Staatsbank (L-Bank) steht im Wortlaut:

1. Der Zuschuss wird zur Überwindung der existenzbedrohlichen Wirtschaftslage bzw. der Liquiditätsengpässe oder Umsatzeinbrüche gewährt, die durch die Corona-Pandemie entstanden sind.
2. Der Förderzeitraum beträgt drei Monate. Der Zuschuss muss innerhalb von längstens drei Monaten nach Zustellung dieses Bescheides für den in Ziffer 1. genannten Zweck verwendet werden.

Den Bescheid wurde am 19. April erstellt und Tage danach zugesandt. Zu dieser Zeit hatten wir bereits seit über vier Wochen geschlossen. Die Tage und Wochen davor gab es schon massive Umsatzrückgänge druch die mediale Ankündigung der Pandemie. Diesen gesamten Krisenzeitraum dürfen wir also nicht anrechnen. Erst ab Eingang des Bescheids werden die Umsatzeinbrüche und Liquiditätsengpässe erfasst.

Ab Anfang Mai sprudelten die Einnahmen dann wieder. Auch im Juni wurden unsere Dienstleistungen noch stark nachgefragt. Heraus kam nach den veranschlagten drei Monaten ein Überschuss, der mit viel Fleiß, leidenschaftlichem Einsatz und dem starken Zusammenhalt von Kunden und Kollegen erzielt werden konnte. Der Lohn dafür: wir müssen die gewährten Hilfen trotz den Verlusten im vorangeganenen Zeitraum im März und April in voller Höhe zurückzahlen.

 

Der zweite Lockdown

Jetzt befinden wir uns im bereits seit dem 16. Dezember 2020 im zweiten Lockdown und verschieben die Kundentermine von einer Woche auf die andere. Anfang Februar 2021 und noch keine Spur von Entschädigung für das Berufsverbot. Die vom Staat großzügig gewährten Kredite und Bürgschaften machen erst Sinn, wenn alle Reserven aufgebraucht sind. Die “unbegrenzten Kredite” müssen ja von zukünftigen Gewinnen zurückbezahlt werden.

Diese sind momentan aber in weiter Ferne und stellen ohnehin eine zusätzliche Belastung unserer seit Jahren schwer gebeutelten Branche dar. Was wir jetzt nicht umsetzen, holen wir nicht zukünftig wieder rein. In dieser Situation klingen die Worte von Altmaier und Scholz etwas zynisch: “kein Unternehmer werde in der Krise allein gelassen.”

Doch genau diese Erfahrung machen gerade noch viele andere Branchen im zweiten Lockdown: “KfW-Kredite. Soforthilfen. Überbrückungshilfe I. Wirtschaftsstabilisierungsfonds. Überbrückungshilfe II. Novemberhilfen. Dezemberhilfen. Überbrückungshilfe III. Abschlagzahlungen. Steuerstundungen. Umsatzerstattungen. Fixkostenpauschale. Kommen Sie noch mit?” 

Von Branche zu Branche, von Bundesland zu Bundesland gelten andere Gesetze und Bestimmungen. Zudem wurden “die Regelwerke der Hilfen nach und nach angepasst, Einschränkungen wurden heimlich still und leise, teilweise nachträglich, eingebaut, Erweiterungen öffentlichkeitswirksam verkündet“, so der Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz Dr. Georg Haber.

Zur Krisenbewältigung von Politik und Verwaltung zog Haber folgendes Resumé: “Weder sind die Hilfen unbürokratisch, noch können sie schnell beantragt werden. Ganz zu schweigen von einer schnellen Auszahlung. Damit werden die mit der Einführung der Hilfen gemachten Versprechen definitiv nicht erfüllt”.

Dies “zerstört die Hoffnungen vieler Betriebsinhaber und stellt ganze Existenzen in Frage. Nicht zuletzt zerstört es das Vertrauen in die Politik, die bislang einen guten Ruf in dieser Krise genossen hat.” Die von Finanzminister Scholz angekündigte wirtschaftspolitische Bazooka habe “eindeutig eine Ladehemmung”.

Ähnlich sieht es der Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE) Stefan Genth mit seiner Aussage, die “Bazooka des Finanzministers bleibt für den Einzelhandel bisher ein Rohrkrepierer“. Besonders niedlich formulierte es der stellvertretende Chef der FDP-Bundestagsfraktion, Alexander Lambsdorff: “Aus der Bazooka von Olaf Scholz wird gerade eine Kindergeburtstagspistole, die nicht Wumms macht, sondern Piffpaff“.

Auch der Bundesgeschäftsführer des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), Markus Jerger, sieht die Bemühungen der Regierung kritisch. Die Ankündigung der Bundesregierung, „leidenden Unternehmen schnell, solidarisch und unbürokratisch zu helfen“, erweise sich „als leeres Versprechen“.

 

Aus eigener Kraft

So verwundert es auch nicht, dass das “mehrheitliche Vertrauen der Bürger” in die Verantwortungsträger zu schwinden droht. Den “großen Worten folgten immer kleinteiligere Taten, Hürden, Irritationen”. Die Krisenpolitik von Bund und Länder zeige einen deutlichen “Mangel an Konsistenz, Schnelligkeit und Pragmatismus.” Die Politik setzt ihre großartigen Versprechen “eher in homöopathischen Dosen” um.

Von den 42,6 Milliarden Euro, die für den Bundeshaushalt zur Krisenbekämpfung in der mittelständischen Wirtschaft im Jahr 2020 für zur Verfügung stand, wurden gerade mal 15,8 Milliarden ausbezahlt. Und davon muss wohl ein Großteil wieder zurückbezahlt werden. Währenddessen sind die neuen Hilfen nicht so recht in Sicht.

Die Hilfen sind zu bürokratisch und schlecht administriert, so das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW): “Wenn die Mittel zur Rettung der Unternehmen zu spät kommen, drohen genau die Zusammenbrüche, die es in der Krise zu verhindern gilt. Und es droht eine Spaltung der Volkswirtschaft in eine robuste Industrie und einen existenzbedrohten Mittelstand in den stark betroffenen Konsumbereichen.” 

 

Die ersten Auszahlungen der Überbrückungshilfe III soll irgendwann “im ersten Quartal 2021 erfolgen”. Bis dahin werden wir alle Partner und die laufenden Kosten aus eigenen Mitteln bedienen müssen. Diese müssen sowieso für den Lebensunterhalt der Unternehmer herangezogen werden, da mit den Hilfen lediglich die Fixkosten abgedeckt sind. Dennoch fordern wir von der Politik, ihre Versprechen umzusetzen und uns für die entstandenen Verluste durch den Lockdown zu entschädigen.

Die entgangenen Gewinne werden wir nicht mehr einholen. Das ist auch nicht nötig. Wir schauen nach vorne. Denn die Krise hat uns vor allem eins gezeigt. Ein großartiges Potenzial für unser Unternehmen und unsere Branche. Nie war der Zusammenhalt und die Kooperationsbereitschaft bei Mitarbeitern und Kunden größer. Nie hatten wir bessere Ergebnisse erzielt und mehr Anerkennung erfahren als inmitten dieser Krise.

Im ganzen restlichen Jahr 2020 hatten wir keine nachgewiesene Infektion in unserem Salon. Die Kunden sagten ihre Termine ab und blieben Zuhause, falls sie Symptome bemerkten. Die Hygienemaßnahmen boten genügend Schutz für Mitarbeiter und Kunden. Trotz den Schließungen schafften wir es aus eigener Kraft, uns über Wasser zu halten und die Nachfrage nach unseren Dienstleistungen im Krisenmodus zu bedienen. Doch es ist nun an der Zeit für die Krisenmanager aus der Politik, ihr Wort zu halten. Gemeinsam mit unseren Freunden und Kollegen aus dem Handel fordern wir:

1. Schnelle Hilfe durch Vorabzahlungen
2. Unbürokratischer Antrags- und Genehmigungsprozess
3. Faire und angemessene Ausgleichszahlungen

4. Ein konkretes Wiedereröffnungsszenario